Behind the mask - Versteckte Begierde

von T.S. Marian
veröffentlicht am 17.12.2022
© T.S. Marian, mannfuermann.com
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Bisexuell / Daddy & Boy / Das erste Mal / Gay-Treffs / Große Schwänze / Romantik

Unauffällig. So wäre vermutlich die Einschätzung der meisten Beobachter ausgefallen. Der junge Typ in der 2. Klasse des ICEs war auf den ersten Blick eher unspektakulär, aber genau aus diesem Grund irgendwie süß. »Ziemlich groß und etwas zu schlaksig für meinen Geschmack«, dachte Florian.

 

Er hatte ihn beobachtet. Nicht sofort. Nicht bei seinem Zustieg in Hamm, Westfalen. Nicht, weil er so eindeutig seinem Beuteschema entsprach, nein, ganz sicher nicht. Sondern, weil er bei der Fahrscheinkontrolle so aufmerksam und irgendwie augenlächelnd dem Schaffner zugehört hatte. Die gelassene Art und Weise, wie er sich erklären ließ, warum der automatische Check-in bei ihm heute nicht geklappt hätte. Ein digitales Problem, was just diesen einzelnen Waggon des ICEs betraf. In seinen eisblauen Augen stand eine so wache Neugier, gleichzeitig eine Freundlichkeit und Wärme, die man anhand der Farbe nie vermutet hätte. Und überhaupt diese Augen. Eingerahmt von fantastisch langen Wimpern. Wimpern, um die ihn so manche Frau garantiert beneiden dürfte. Wahrscheinlich sogar Kamele. »Ja, die mit Sicherheit auch«, grinste Florian.

Mehr konnte er von diesem Gesicht leider auch nicht ausmachen. Dank Corona waren alle Zugreisenden ja derzeit gezwungen, während der gesamten Fahrt diese medizinischen Masken zu tragen. Einzig beim Essen oder Trinken gab es die Erlaubnis, dass man sie kurz runterzog.

So wie es die kaukasisch-anmutende, Hyaluron- und Lippen aufgespritzte Frau in der Sitzbank hinter dem Typen auf der anderen Gangseite neben ihm gerade ununterbrochen machte, die, während sie ihren Insta-Account checkte und mit belanglosen Selfies aufpimpte, in einem fort sich mit den von Nagellack und Swarovski-Steinen strotzenden Fingern durch ihre langen, blondierten Haare strich.

Der Typ hingegen hatte zwar seinen Kopfhörer um den Hals hängen, seinen Laptop geöffnet auf der Ablage vor sich stehen, aber er hatte ihn nicht angeschaltet. Der schwarze Bildschirm reflektierte nur sein Gesicht und einen Teil des Gangs. Zu Florians Freude las der Bursche. Einen ziemlich dicken Wälzer. Ob Sachbuch oder Belletristik konnte Flo im ersten Moment nicht ausmachen. Erst später, als der Typ es zuklappte, erkannte er den Titel. ZERO von Marc Elsberg. Den Lesefluss unterbrach er gelegentlich mit sinnierenden Blicken auf die vorbeirauschende Landschaft oder auf den leeren Bildschirm. »Na, immerhin mal ein echter Leser«, schoss es Florian durch den Kopf. »Und auf Papier.« Auch das weckte seine Aufmerksamkeit.

Ein junger Leser. Und jung war er bestimmt. Höchstens Mitte zwanzig. Also fast zwei Generationen jünger als er. »Gucken schadet und kostet nichts«, beruhigte er sein Gewissen. Trotzdem: In seinem Alter kam er sich schon ein wenig wie, ja, wie ein Spanner vor. Der notgeile alte Sack, der sich einen Hauch jugendlichen Charme und Attraktivität bei einer Zugfahrt um die Nase wehen lässt. »Verdammt! War es schon so weit?« Florian schaute peinlich berührt aus dem Fenster. So hübsch war der Typ nun auch nicht. Allerdings hatte ihn seine Stimme angesprochen. Dieser verhaltene sonore Bariton. Er lachte innerlich auf. Schon immer teilte Florian den Klang von Sprechstimmen in Gesangsregister ein. Und die mittlere bis tiefe Basslage war bei Männern sein Favorit.

Nach kurzem Zögern beäugte er erneut den Kerl. Er trug eine graue Jeans, kein besonderes Label und, Florian empfand es als besondere Wohltat, kein Skinny-Jeans-Look. Im Gegenteil, sie schien locker zu sitzen, andererseits durchaus perfekt, ohne die wahrscheinlich eher untrainierten Waden in diese unnatürliche Wurstpelle zu quetschen. Sein Blick blieb darauf haften, als der junge Kerl etwas aus dem Rucksack in der Gepäckablage zog und dafür aufstehen musste. Schon lange war Florian der Meinung, dass es so gut wie keinen Mann auf der Welt gab, dem diese hautengen Elasthan-Hosen standen. Im Stehen, wenn man eins dieser wahnsinnig dünnen Männermodels war, vielleicht. Eventuell aber auch nur nach ausgiebiger Fotoshopbearbeitung. Dieser Kerl war definitiv kein Model. Aber trotzdem faszinierend.

Florian arbeitete sich mit den Augen weiter nach oben. Ein schwarz-grün dezent gemustertes T-Shirt verhüllte seinen Oberkörper. An den Armen sprossen zahlreiche blonde Haare. Unwillkürlich stellte sich Florian die Frage, ob dessen Brust ebenfalls mit diesem Wildwuchs ausgestattet war. Irgendwie schien er ihm nicht der Typ für regelmäßige Brusthaarentfernung oder auch nur das Stutzen zu sein. Obendrein wirkte sein Kopfhaar nicht so, als sei der Knabe Dauergast eines Friseurs. Die eher dunkelblonden Haare standen dermaßen wüst ab, unwillkürlich und doch gleichzeitig wie gewollt, ließen kaum einen stylischen Schnitt erahnen. Gerade das gefiel Florian aber. Morgens aufzustehen und kurz mit den Fingern durch den vollen strubbeligen Schopf fahren. Lag bei ihm schon etwas länger zurück. Er war eher mit der Resthaarverwaltung beschäftigt, was ihm durchaus mehrere Zusatzminuten jeden Tag vorm Spiegel im Bad bescherte. Ihm fiel ein Aphorismus ein: Jugend ist eine wunderbare Sache. Wie schade, dass sie an Kinder verschwendet wird. War das nun Oscar Wilde oder George Bernhard Shaw? Verflucht, zitieren will gelernt sein. Aber zutreffend war es allemal.

 

Apropos zutreffend: Völlig unvermittelt traf ihn der Blick des Burschen. Ertappt dachte Florian kurz darüber nach, wegzuschauen. »Aber warum? Freies Land, freie Augenblicke, oder?« Er versuchte, in seinen Blick das Lächeln zu legen, das ihm mimisch durch die Maske verwehrt war. Das Blau der Iris erwischte ihn so unerwartet, dass er glaubte, in einem skandinavischen See einzutauchen. »Na, super«, beschimpfte er sich innerlich, »als wärst Du in einer dieser kitschigen Inga-Lindström-Verfilmungen. Jetzt werde mal bitte wieder nüchtern!«

Dann war es auch schon vorbei. Es war nur ein Bruchteil einer Sekunde gewesen, aber ihm kam es vor wie zwei oder drei Minuten. War der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen oder hatte er tatsächlich ein Abchecken und positiven Ausdruck in diesem Sekundenblick entdecken können? Nein, er war einfach nur angetörnt. Die unerwartete Hitze nach einem viel zu kalten Mai ließ ihn wuschig werden und er träumte von erotischen Begegnungen. Corona hatte auch dafür gesorgt, dass sein normales Sexleben, seine gelegentlichen One-Night-Stands fast komplett eingeschlafen war. Das musste es sein. Wie kam er darauf, dass dieser Unbekannte in der gleichen Liga spielen würde? War das nicht der Prototyp eines Backpackers? Männliche Rucksacktouristen sind von Hause aus eher hetero. Florian biss sich vor Scham fast auf die Zunge. »Tolle Vorurteile hast Du!« War das nicht nur ein dämliches Klischee? Wahrscheinlich.

Genauso wie dieses slawisches Mäuschen auf der anderen Gangseite, die gerade dabei war, mit dem Konturenstift, die vom Essen minimal ungleichmäßig gewordenen aufgeblasenen Lippen wieder in die korrekte Form zu bringen. Auch ein Klischee. Wie alt mochte sie sein? Vielleicht ebenfalls Mitte zwanzig, aber die kosmetischen Eingriffe ließen ihr Gesicht leider wie eine Totenmaske erscheinen. Und dieser Eindruck war bestimmt nicht nur seiner sexuellen Orientierung geschuldet. Florians ArbeitskollegInnen und FreundInnen empfanden diese Form des übertriebenen Make-ups ebenfalls als lächerlich und verkrampft. Als wären Jahrzehnte der Frauenbewegung und Veränderung des Frauenbilds einfach so verpufft.

Fast hätte er beim Betrachten dieses schrecklichen Schminkunfalls den niedlichen Typen aus dem Auge verloren, der erneut aufstand und den Rucksack aus der Ablage zog, dann Laptop und Buch verstaute. Obwohl Florian wie immer im Zug seine Noise-Cancelling-Kopfhörer trug, hatte er im Hintergrund die Durchsage des Zugbegleiters wahrgenommen. In ein paar Minuten erreichten sie Hannover Hauptbahnhof. Und er musste umsteigen. Der junge Mann wohl ebenfalls. Oder er wohnte hier. Wer wusste das schon?

Florian beeilte sich, seinen ungenutzten E-Book-Reader in der Außentasche seines kleinen Koffers zu verstauen. Etwas zu hektisch eilte er dem Schnuckel hinterher, der bereits zum Ausstieg gegangen war. Ja, Florian sah ihn. Mit seinem riesigen Deuter auf dem Rücken stand er lässig angelehnt vor der Digitalanzeige an einer der Türen des ICE’s, checkte gerade seine WhatsApp - oder sonstigen Nachrichten. Vermutlich würde er abgeholt werden, ging es Florian durch den Kopf. »Und du bist sein Zugstalker. Ein bisschen krank«, dachte er. »Nicht gut, gar nicht gut!«

Trotzdem konnte er den Blick nicht abwenden. Jetzt korrigierte der Hübsche den Sitz seiner Maske, sah ihm dabei direkt in die Augen. Anscheinend hatte er das Gummi in diesem Zusammenhang überdehnt, denn es riss an einer Naht. Ein lautes »Scheiße« entfuhr ihm. Ein kurzer Blick aus dem Türfenster signalisierte ihm, dass es höchstens noch eine Minute war, bis sie im Bahnhof einliefen. Sich bei anderen wartenden Menschen entschuldigend, nahm er umständlich in der Enge den Rucksack ab und öffnete eine Schnalle. Erneut fluchte er diesmal deutlich leiser: »Scheiße, Scheiße!« Offensichtlich fand er keine Ersatzmaske. Florian witterte seine Chance für eine kurze Kontaktaufnahme. Ein Griff in die Innentasche des Sakkos und er hatte eine verpackte Maske hervorgezaubert und reichte sie dem langen Kerl. »Bitte sehr! Das Drama kenne ich hinlänglich. Mir reißen sie auch im unpassendsten Moment.«

 

Verwundert schaute ihn der junge Typ an, während er mit einer Hand das gerissene Maskenteil sich vor Nase und Mund drückte und mit der anderen immer noch suchte. »Danke. Das ist ... Vielen Dank«, stammelte er verlegen.

»Alles gut. Wie gesagt, passiert mir auch dauernd. Und keine Sorge, ich hab noch weiteren Ersatz. Im Koffer allerdings.«

»Super. Danke Ihnen sehr.« Den Rucksack mit seinen Schenkeln am Umkippen hindernd, pulte er die frische Maske aus der Plastikumhüllung. Amüsiert schaute Florian auf die anderen Reisenden, deren Oberkörper sich nach hinten lehnten, als könnten sie so einer möglichen Aerosolübertragung entgehen. Außerdem sah er jetzt erstmalig das komplette Gesicht des Burschen. Schöne volle Lippen umrahmt von einem drei bis fünf Tagebart. »Da ist auf jeden Fall kein Hyaluron verspritzt worden«, grinste er stumm begeistert unter seiner Maske. Alles Natur.

Das Kinn etwas zu groß und zu spitz für sein Gesicht. Auch die Nase einen Hauch zu breit, um eine Modelkarriere zu starten, aber dafür eine bestechend schöne obere Zahnreihe. »Was für ein Weiß. Wahnsinn!« Und schon war alles wieder unter dem Atemschutzteil verschwunden und versteckt. »Schade!« Florian hätte gerne noch länger hingeschaut. Pech. Man kann eben nicht alles haben. Ein Ruck und Flo verlor kurz den Halt. Der Zug hatte etwas stärker gebremst als sonst. Dabei fiel er dem Burschen fast in die Arme, der es gerade noch geschafft hatte, den riesigen Deuter zu schultern.

»Tschuldigung!« Flo war bestimmt einen halben Kopf kleiner als der Typ. »Kein Problem«, gab der mit sichtbaren minimalen Lachfältchen um die Augen zurück.

Bildete sich Florian es nur ein oder hielt der Bursche ihn tatsächlich etwas länger im Arm als notwendig? Seine großen Hände, die ihn an die Pranken von Basketballprofis erinnerten, drückten seine Oberarme. Den festen Druck der Finger spürte er deutlich unter seinem dünnen Sommerjackett. Außerdem war da ein leicht herber Geruch. Eine Mischung aus frischem Schweiß und einem Deo. Sehr angenehm. Kein übertriebener Duft von irgendeinem namhaften Parfumdesigner. Wahrscheinlich Axe, Nivea oder so. Schon war dieser erregende Augenblick vorbei. Die Türen wurden geöffnet und die Leute strömten auf den Bahnsteig.

Florian stieg nach dem Hübschen aus. Beide mussten sich kurz orientieren, wo der Treppenabgang lag.

»Darf ich Ihnen einen Euro für die Maske geben? Mehr habe ich gerade nicht greifbar.«

Der Typ hatte fünf Münzen aus der Jeanstasche gekramt. »Stecken lassen! Alles gut!« Florian winkte ab.

»Ehrlich? Na, dann ... gute Weiterfahrt. Oder ... na, auf jeden Fall: Nochmals Danke. Schönen Tag noch.«

»Gerne. Ihnen auch.«

Trotz des riesigen Rucksacks gelang es dem Typen, mit seinen langen Beinen sehr schnell zum Bahnsteigabgang zu gelangen. Am Treppenabsatz drehte er sich noch einmal um und winkte Florian kurz zu. Der zog den kleinen Trolley hinter sich her und seufzte innerlich. Eigentlich schon schade. Dabei war er erneut von der dunklen Stimme und dem angenehmen Geruch völlig geplättet. »Idiot! Du bist ein Idiot«, dachte er, »toll, was Du Dir so einbildest!«

Selbstverständlich funktionierte die Rolltreppe nicht. Wie sollte es auch anders sein. Also stiefelte er die Treppe herunter. Von dem jungen Kerl sah er nur noch den Rucksack in den Gängen verschwinden. Erst jetzt schaute Flo nach, von welchem Bahnsteig sein Anschlusszug nach Hamburg fahren würde. In der Mitte des Durchgangs zu den Gleisen blieb er stehen und stöhnte laut auf. Die Anzeigetafel zeigte ihm an: Der ICE nach Hamburg hatte eine dreiviertel Stunde Verspätung. Auch der IC, der ursprünglich zehn Minuten später eintreffen sollte, war bereits mit über einer halben Stunde später angekündigt. »Scheiße!« Und ausnahmsweise hatte er sich diesmal für einen Super-Sparpreis entschieden. Da gab es keine Umbuchung. »Toll!«

»Haben Sie vielleicht mal fünfzig Cent? Mir fehlen noch genau fünfzig Cent für eine Flasche Mineralwasser.« Ein etwas angeranzter Kerl streckte seine geöffnete Hand nach Flo aus. Schon der dritte heute, dachte Florian, aber er suchte in seiner Hosentasche und fand einen einzelnen Euro. »Bitte sehr!« Das Geld wechselte den Besitzer und ein »Danke sehr und schönen Tag noch« erklang.

 

Florian fühlte den sich verstärkenden Druck auf der Blase, den er schon seit seinem Einstieg in Hamm verspürt hatte. Zugtoiletten waren ihm grundsätzlich verhasst. Und jetzt in Corona-Zeiten erst recht. Aber bis Hamburg konnte er es unmöglich aushalten. Er seufzte. Gut, also musste es die Sanifair-Toilette sein. Er suchte nach einem Hinweis und fand ihn auch. Vor sich hingrummelnd machte er sich auf den Weg.

Obwohl der Bahnhofsdurchgang insgesamt gut gefüllt war, standen nur wenige Menschen vor dem Drehkreuz beim WC. Jetzt verfluchte sich Florian, dass er den letzten Euro gerade eben hergegeben hatte. Tatsächlich musste er nun umständlich mit seiner EC-Karte an dem Wechselautomaten sich das passende Kleingeld ziehen. Dabei stand sein kleiner Trolley ständig anderen Gästen im Weg herum, was diese auch lautstark meckernd kommentierten. Halblaut murmelte Florian: »Oh, Entschuldigung, dass ich atme und auch ein menschliches Bedürfnis habe, Ihr asozialen Arschlöcher.« Endlich schritt er mit dem Koffer durchs Kreuz in Richtung Pissoir.

Völlig entnervt trat er an eines der Becken, die mit Sichtschutz zu beiden Seiten ausgestattet waren. Seine Verärgerung war noch so groß, dass er nicht einen einzigen Blick nach links oder rechts tat. Er öffnete die Knopfleiste seiner Jeans, griff hinein und mit einem kleinen Erleichterungsseufzer ließ er es strömen.

»Auch zu viel Kaffee heute Morgen gehabt?«

Wer quatschte ihn da von der Seite an? Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Erst Sekundenbruchteile später erkannte Flo die tiefe Stimme. Rechts neben ihm stand der Typ aus dem Zug. Offenbar war Florian zu sehr in seinem eigenen Film gewesen, dass er sogar den riesigen Rucksack übersehen konnte. Beinahe hätte er sich komplett umgedreht und damit eine kleine Sauerei angerichtet.

»Hey, so eine Überraschung. Ja, ich ... mein Zug nach Hamburg ist verspätet und ich hatte ... hatte .... Mann, ich hätte nicht ... nicht damit gerechnet, Dich, äh, Sie hier ...«

»Dich ist schon okay. Ich heiße Marc. Mit C. Also eigentlich Marcel, aber den Namen fand ich als Kind schon affig. Alle sagen Marc zu mir.«

»Ah, okay. Also Marc mit C. Ja, das ist nett, also, dann eben Du.«

»Na, wenn man schon Maske und gemeinsames Pissen teilt dann, ..., sorry, pinkeln oder urinieren, wie du willst ..., äh, ...«

»Das stimmt.« Ihm fiel auf, dass er seinen Namen bislang nicht genannt hatte. »Flo. Also, eigentlich Florian, aber alle nennen mich Flo. Freut mich, Marc.«

Beinahe hätte er ihm aus Reflex die Hand angeboten, aber das war angesichts der besonderen Ausgangslage unmöglich.

»Mich auch, Flo.« Wieder waren da diese Lachfältchen um die Augen zu erkennen. Eigentlich fand Florian es furchtbar, sich auf öffentlichen Toiletten zu unterhalten, aber in diesem Fall genoss er es quasi.

»Ein echter Zufall, oder? Wartest Du auch auf einen Anschlusszug, Marc?«

Er versuchte krampfhaft sich, aufs Pinkeln zu konzentrieren. Alles damit er ja keine Erektion bekam. Wie peinlich das wäre, mochte er sich nicht ausmalen.

»Nee, ich wohne hier in Hannover. Konnte es aber auch nicht mehr aushalten. Wie gut, dass ich Dir vorhin nicht meine letzten Münzen gegeben habe. Dann hätte ich es mir wohl verkneifen müssen bis zu meinem Kumpel.«

»Da warst Du klüger als ich. Hab meinen letzten Euro einem Obdachlosen gegeben und musste mit EC bezahlen.«

Marc lachte leise auf.

»Sorry! Hätte ich das geahnt, wir wären mit meinem Kleingeld beide aufs Klo gekommen.«

Schon zu Beginn war Florian aufgefallen, dass Marc sich bei jedem Satz weit nach links vorbeugte. Klar, bei seiner Körpergröße fiel es ihm leicht, über den Sichtschutz hinweg zu schauen. Aber tat er das absichtlich? Wollte er etwa einen Blick auf Florians Schwanz erhaschen? Den Gedanken schob er schnell beiseite. Diese vollkommen haltlosen Fantasien. »Scheiß Corona!« Die Pandemie schien seine ohnehin vorhandene Notgeilheit nur noch zu verstärken. Sollte ihn die Möglichkeit einer Infektion nicht eher abtörnen?

 

Florian linste ebenfalls zur Seite. Aber im Gegensatz zu Marc musste er sich leicht auf die Zehenspitzen stellen, bevor er für Sekundenbruchteile einen Hauch von Penis erahnen durfte. Täuschte er sich oder war das Teil in Marcs Hand riesig? Fast als hätte der junge Kerl einen Ständer. »Reiß Dich zusammen, Florian! Verdammt nochmal!« Nein, bestimmt war das ein Irrtum!

»In Hamburg lebst Du? Oder bist Du beruflich unterwegs?«

»Was?« Florian war dermaßen in seiner Selbstbeschimpfung versunken, dass er kurz über den Satz nachdenken musste. »Nein, Du hast Recht. Ich lebe in Hamburg. Hatte einen Auftrag in Dortmund und jetzt ...« Warum, um Himmels willen, erzählte er ihm das? Das ging den Knaben doch nichts an.

»Hamburg hätte ich fürs Studium auch eigentlich besser gefunden. Bin wegen meiner Freundin hiergeblieben. Aber nun ... na ja. Stehe kurz vor meinem Diplom. Jetzt ist es auch egal.«

»Aha!«

»Toll, Florian«, dachte er, »vergiss den angeblichen Steifen nebenan. Der Typ hat ne Freundin. Alles nur Einbildung von dir. Du bist echt ein Trottel. Ein alter Spanner. Mehr nicht.«

»Und jetzt bist Du auf dem Weg zu einem Kumpel? Nicht zu Deiner Freundin?«

Warum fragte er das? Ging ihn doch nichts an. Der Typ war hetero und damit gut. Schön, endlich gab seine Blase die Protestsperre auf und er konnte zu Ende pinkeln.

»Nee, ich, also, wir haben uns getrennt. Zumindest vermute ich das. Deswegen habe ich auch ein paar Tage Treckingurlaub bemacht. Brauchten beide mal ne Auszeit. Musste nachdenken.«

»Ah, und jetzt wohnst Du erst einmal bei Deinem Freund?«

»Freund?! Nee, Freund ist zu viel gesagt. Ein Kommilitone, der ne Schlafcouch hat.«

Florian nickte stumm und schüttelte ab. Eigentlich sollte er jetzt gehen, aber irgendwas hielt ihn hier. »Völlig verrückt«, sagte er sich, »aber ich kann mich nicht losreißen von der attraktiven Hete. Ich bin bekloppt.« Dabei spürte er, wie immer mehr Blut in seinen Schwanz einschoß. Er musste das Thema wechseln. Dringend.

»Was studierst Du denn, Marc?«

»Biologie und Forstwirtschaft.«

»Spannend.« Marc verstand nichts von beiden Fachgebieten und wollte es auch nicht. Trotzdem fühlte er sich genötigt, noch etwas nachzusetzen. Spannend zu sagen, kam ihm vor wie die Formulierung nett. Und die war ja bekanntlich die kleine Schwester von Scheiße. »Ja, passt irgendwie gut zu Dir, denke ich.«

Marc schaute ihn von der Seite skeptisch an.

»Ach ja? Wie kommst Du drauf?«

Verlegen stammelte Florian los.

»Keine genaue Ahnung. Dein ganzes Erscheinungsbild eben. Dein Rucksack. Dass Du Trecking betreibst. Ehrlich gesagt, hätte es mich verwundert, wenn du Jura oder BWL studiert hättest.«

»BWL garantiert nicht. Auch wenn davon einiges zur Forstwirtschaft gehört. Nee, aber meine Freundin, äh, Ex, na, Du weißt schon, ist BWL-erin. Wahrscheinlich hat es deswegen auf Dauer nicht geklappt. Allein schon, dass ich mit ihren ganzen Kommilitonen nichts, aber auch gar nichts anfangen kann. Alle haben nur das große Geldverdienen im Kopf. Etwas stumpfe Kapitalidioten. Was machst Du beruflich, Flo?«

»Tja, ich bin dann wohl so ein Kapitalidiot, wie Du es gerade so schön formuliert hast. Ich habe auch BWL studiert. Allerdings bin ich mittlerweile eher als Berater unterwegs. Nicht wirklich als Finanzberater, eher als Coach für interne Firmenkonversation, wenn Dir das, was sagt.«

Ein weiteres Mal beugte sich Marc weit nach links rüber.

»Shit, ich hätte mein dummes Maul halten sollen. Sorry, ich wollte Dich nicht beleidigen, Flo. So schlimm sind die BWL-er gar nicht. Echt!«

Marc zog verlegen mehrmals die Augenbrauen hoch und Florian bemerkte wie dessen Blick zum wiederholten Male auf seinen Schwanz fiel, bevor Marc sich erneut wieder zurücklehnte. Irritiert schaute er sich im Raum um. Mehrere andere Männer hatten, während dieses eigentümlichen Gesprächs bereits ihr Geschäft beendet und waren gegangen. Ein älterer Mann stand kopfschüttelnd links neben ihm und schien leicht empört zu sein, bevor auch er den Raum verließ. Was tat er hier? Warum ging er nicht? Warum hielt er immer noch seinen Schwanz in der Hand, obwohl er fertig war? Und bekam langsam einen Steifen? Das letzte Mal, dass er auf einer öffentlichen Toilette einen erotischen Moment hatte, war als Teenager gewesen. Das lag ja Jahre, sogar Jahrzehnte zurück. WCs waren für ihn nie die Orte, wo er geil wurde, aber diesmal konnte er die Erregung nicht leugnen. Sein Halbharter strafte ihn Lügen.

 

»Ach, weißt Du, so leicht kann man mich nicht beleidigen, Marc. Da mach Dir bitte keine Gedanken. Wenn ich das Selbstbewusstsein nicht hätte, würde ich nicht in meinem Job arbeiten können. Alles gut.«

»Denke ich mir auch, Flo. Und...« Ein leiser Pfiff durch die perfekte Zahnreihe entwich Marc. »... und Gründe für mangelndes Selbstbewusstsein sind nicht zu erkennen.«

Jetzt wurde Florians Irritation noch größer. Was war das für eine Anspielung? Galt die seinem Schwanz? Okay, wenn der Bursche es so wollte. Zweideutigkeiten hatte er ebenfalls im Repertoire.

»Ach, weißt Du, Marc. Imponiergehabe und Penisvergleiche sind unter Betriebswirtschaftlern an der Tagesordnung. Damit muss man leben. Auf jeden Fall kann ich’s. Und seien wir ehrlich: Wenn man am Becken tatsächlich mal die Hosen runterlässt, hat sich das meistens schnell erledigt.«

Dabei stellte er sich komplett auf die Zehenspitzen und lugte ohne Scham über die Abgrenzung.

»Und wie ich sehe, hätten wir da durchaus einen Favoriten und möglichen Gewinner. Glückwunsch, Marc!«

Vor Überraschung fing der an zu husten.

»Wow! Lehrst Du das auch Deinen Managern in den Seminaren? Diese Direktheit. Nicht schlecht.«

»Nein, das verstieße ein klein wenig gegen meinen Berufsethos. Außerdem, angesichts der Me-Too-Debatte sind wir Kerle doch alle etwas sensibler für ... «

Ihm blieb der Rest des Satzes auf der Zunge liegen, als sich Marcs Gesicht erneut über die Trennwand schob und er diesmal unverhohlen seinen Blick auf Florians Gemächt richtete.

»Wer hier Favorit oder Gewinner ist, steht aber noch lange nicht fest, Herr Seminarleiter. Oder sagt man da Prof oder Tutor?«

Damit zwinkerte er Florian zu, befeuchtete seine Lippen mit der Zungenspitze und starrte weiterhin auf dessen fast komplett aufgerichteten Schwanz.

»So ein Quatsch. Die nennen mich beim Namen, also Nachnamen und gut ist.«

Florian neigte wirklich nicht zum Erröten, aber er spürte eindeutig, wie eine Hitzewelle ihm vom Unterleib bis zum Scheitel überrannte. Marcs Augen blieben unverwandt auf seinem Penis haften.

»Marc, alles in Ordnung? Habe ich etwas falsch gemacht? Oder interpretiert vielleicht? Etwas ..., tja, keine Ahnung ...«

Ein stummes, aber lächelndes Kopfschütteln war die Antwort.

»Weißt Du, ich wollte Dich auf keinen Fall ... Also, dass hier soll keine Anmache ... Marc, ich möchte nicht, dass Du das missverstehst. Ich ...«

Diesmal schaute Marc Florian direkt in die Augen.

»Nein, ich glaube nicht, dass ich da etwas missverstehe.«

Florian überlief die nächste heiße Welle. Seine Zunge klebte an seinem trockenen Gaumen.

»Im Gegenteil, Flo. Ich verstehe das total richtig. Und ich mag das. Ich finde das megageil.«

»Aber Du bist doch ...« Ihm blieb das Wort trocken im Halse stecken. Florian hatte keine Ahnung, worauf das hier hinauslaufen würde, aber er war bereit, es herauszufinden.

»... hetero? Wolltest Du das sagen, Flo? Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Das weiß ich selber nicht genau. Gerade bin ich vierzehn Tage durch den Harz bis zum Teutoburger Wald gewandert und dabei habe ich mir schon ein paar Gedanken zu meinem bisherigen Leben gemacht. Eben weil meine Beziehung dabei ist, den Bach runterzugehen. Ehrlich gesagt: ich war immer offen für neue Erfahrungen. Deshalb ... «

Mit einem Mal drehte er nach links, blickte sich im völlig leeren Raum um, machte einen Schritt nach hinten und langte mit der Hand an Florians Steifen. Auch der blickte sich etwas ängstlich um, genoss aber den festen Griff dieser langen großen Finger, die ihn bereits im Zug am Stolpern gehindert hatten. Das Blut schoss ihm sowohl in den Kopf als auch in die untere Region.

»Spinnst Du? Hier jetzt! Das ist ... «

Weiter kam er nicht, da ein weiterer Mann den Pissoir-Bereich betrat und sich an der anderen Seite an ein Becken stellte. Marc packte seinen Schwanz ein, zog den Reißverschluss hoch, deute mit einer Kopfbewegung auf den anderen Raum mit den WC-Kabinen und lief ohne ein weiteres Wort los.

 

Florian blieb wie versteinert zurück. Sollte er es wirklich wagen? Was könnten sie denn hier schon groß veranstalten? Ein Blick auf die Uhr, dann aufs Handy. Die Bahnapp zeigte an, dass sich sein ICE noch weiter verspätet hatte. Jetzt dürfte er problemlos einen anderen Zug nehmen. Trotz Superspartarif.

»Ach, scheiß was drauf.« Er schnappte sich seinen Trolley und schleppte ihn in den Nebenraum. Zehn Kabinen befanden sich hier. War Marc wirklich hier oder hatte er sich bereits verkrümelt und ihn verarscht? Ebenfalls eine Möglichkeit. Bislang fand er das Interesse eines so jungen Mannes an ihm mehr als erstaunlich. Er sollte doch besser gehen. Ja, er würde gehen. Auch wenn sein Schwanz ganz was anderes signalisierte. In diesem Moment öffnete sich eine der Türen. Ein Mann mit Aktentasche kam heraus, lief in den Nebenbereich mit den Waschtischen und nickte Florian kurz zu. Gleichzeitig öffnete sich eine weitere Kabine. Sie lag am hinteren Ende. Ganz kurz schaute Marcs Kopf hervor, dann sein ganzer Oberkörper und Florian sah, dass Marc sein T-Shirt über den Kopf in den Nacken gezogen hatte. Seine Vermutung vorhin im Zug stellte sich als richtig heraus. Seine Brust war ebenso behaart wie seine Unterarme. Blond gekräuselte, dichte Haare leuchteten ihm im antiseptischen Neonlicht entgegen. Sein Widerstand war gebrochen. Wenigstens einmal darüber streicheln. Das war’s. Das musste nach diesem Vorgeplänkel drin sein.

Nochmals schaute er sich um. Gab es hier Kameras? Im Pissoir sicher nicht. Das ließ sich sicherlich aus Privatsphären- und Datenschutzgründen nicht bewerkstelligen, aber hier im Gang? Marc zog ratlos die Achseln hoch. Seine eisblauen Augen verfolgten etwas ratlos Florians Blick an die Decke. »Jetzt oder nie!« Florian hielt den Koffer vor der Brust, Marc wich in Richtung Kloschüssel zurück und er quetschte sich in die schmale Kabine.

»Ganz schön eng hier, was?«

Allein das Rucksackungetüm und Marcs Körper nahmen schon mehr als die Hälfte des Platzes ein. Den Trolley abzustellen war gar nicht so einfach. Der Rucksack thronte majestätisch auf der heruntergeklappten Brille. Alles andere war ganz und gar nicht königlich. Außer der wohlgeformten Brust und der überraschend dunklen Nippel von Marc. Und dazu noch diese wilden Haare. Ein Sixpack hatte Marc nicht, aber dafür einen samtigen Teint. Hatte wohl öfters bei seiner Wanderung die Frühlingssonne genossen. Florian spürte, wie sein Schwanz sich an Marcs Schenkel drückte. Die Stoffbahnen konnten die Erektionen beider kaum kaschieren.

Marc beugte sich ein wenig vor, aber statt ihrer Lippen, trafen zwei FFP2-Masken aufeinander.

»So eine Scheiße«, entfuhr es Marc. Unwirsch riss er sie sich herunter. »Ich bin getestet, nur mal so als Randbemerkung.« Damit zog er sein Handy hervor, tippte auf die Corona-Warn-App und ein tagesaktueller QR-Code blinkte Florian entgegen.

»Damit kann ich auch dienen. Anders hätte ich das Seminar nicht abhalten dürfen. Da war tägliches Testen angesagt. Auch heute früh zum Abschlussfrühstück. Willst Du’s sehen?«

Marc winkte ab und Flo entfernte seine Maske ebenfalls, verstaute sie in der Innentasche des Jacketts, ergriff Marcs Gesicht und presste seinen Mund auf dessen Lippen. Sein Bart kratzte leicht, aber gerade das machte Florian an. Außerdem: Der Typ konnte küssen. Sogar ziemlich gut. Wie lange hatte er nicht mehr mit Zunge geküsst? Wenn Florian überhaupt noch Sex hatte, dann nur Anonymen. Und Corona hatte für Singles alles sehr kompliziert gemacht. Da beneidete er die Menschen in einer festen Partnerschaft. Die konnten küssen, knutschen, ficken. Das ganze Programm eben. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Im Stadtpark. Dieser ungefähr gleichaltrige Kerl, der ihm einen geblasen hatte. Genau. Während Florian weiterhin die Maske trug, sank der Typ auf die Knie und lutschte und schluckte. Kurze Triebbefriedigung, aber Sex konnte man es kaum nennen. Würde das hier auch so enden? Na ja, immerhin küssten sie sich, aber die Atmosphäre gefiel Florian überhaupt nicht. Nur wie würde der Schnuckel darauf reagieren? Wäre es dann vorbei, bevor es richtig angefangen hätte?

 

»Marc, sorry, Marc!«

Er drückte dessen Kopf zurück und Marc sah ihn verwundert an. Flüsternd fragte er: »Was ist, Flo? Mache ich was falsch? Rieche ich aus dem Mund?«

»Quatsch. Ich frage mich nur, .... na ja, ist das hier die einzige Möglichkeit? Gibt es nicht ... ich suche nach einer Alternative. Irgendetwas ... privateres, nicht so ...«

»Aber Dein Zug, Flo? Was ist damit?«

Florian nickte. »Ja, klar, mein Zug. Aber den würde ich sausen lassen. Da nehme ich einen späteren, kein Problem.«

»Aber zu meinem Kumpel können wir nicht. Ich habe noch keinen eigenen Schlüssel. Ist ja alles ganz überstürzt gelaufen mit Erika. Also, meiner Ex.«

»Erika, häh. Interessant. Ein schöner altmodischer Name.«

»Ja, altmodisch und konservativer als der Papst. Normalerweise lästere ich ja nicht so gern, aber sie stammt aus einem strenggläubigen Haushalt. So eine Freikirche. Mit dem ganzen Jungfrauen-Gedöns und so. Scheiße, was erzähl ich Dir das? Ich will lieber an Deinen dicken Schwanz und der ist bestimmt nicht jungfräulich.«

Marcs riesige Hand schloss sich um Florians Erektion in der Hose. Fast schmerzhaft pochte der gegen den Stahlgriff an.

»Möchte ich auch, Marc. Aber hier? Ich bin aufgeschmissen. Ich weiß nicht, wohin wir könnten. Wären wir in Hamburg, ging es schnurrstraks zu mir nach Hause. Bloß hier in Hannover? Alle Hotels haben dicht. Beziehungsweise erwarten von Geschäftsreisenden einen Nachweis über deren Tätigkeit vor Ort.«

Dabei ließ er seine Finger durch den Dschungel auf Marcs Brust gleiten.

»Dir ist schon klar, wie sexy Dein Brusthaar ist, oder?«

»Nee, Erika fand immer, ich sollte mich rasieren. Hab ich einmal gemacht, dann hatte sich alles entzündet, seitdem lass ich es wieder wuchern.«

Die Kabinentür nebenan wurde mit Schwung geöffnet, sodass der Türgriff gegen ihre Tür schlug.

»Marc, ich würde liebend gerne, aber ... nicht hier. Bitte. Du bist herzlich willkommen in Hamburg, wenn du mitwillst. Sollte Dir jetzt nichts einfallen, dann war es das.«

Wie um sich selbst lügen zu strafen, zog Florian Marc ein weiteres Mal dicht an sich heran. Auch Marcs Schwanz drückte sich ihm in den Bauchnabelbereich. Und er schmeckte so gut. Von wegen Mundgeruch. Im Gegenteil. Er schmeckte nach frischem Obst. Ja, nach Erdbeere oder so. Als hätte er noch schnell einen Drops gelutscht.

»Warte, Flo, ich könnte ...«

Er holte sein Handy heraus und schaute in eine seiner Social-Media-Apps.

»Ich will das hier unbedingt und Du doch auch. Jetzt heißt es nur kurz abwarten.«

Marc scrollte durch verschiedene Accounts. Nach zehn Sekunden grinste er zufrieden.

»Okay. Erika ist bei den Eltern. Ich bräuchte eh dringend ein paar Unterlagen für die Uni. Wir können in meine, ..., ich meine, in unsere ehemalige Wohnung. Ist das okay für Dich? Ich meine, dann verpasst Du Deinen Zug, aber ...«

»Wenn das keinen Rosenkrieg auslöst, für mich ist es egal.«

»Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß, oder? Und dass unsere Beziehung weitergeht, bezweifel ich sehr. Gut, dann lass uns dahin.«

Er öffnete die Tür und wollte schon mit freiem Oberkörper losgehen, aber Florian hielt ihn zurück.

»Hey, Dein T-Shirt solltest Du wenigstens wieder richtig anziehen, oder?« Florian zwickte ihm sanft in die dunkelbraunen Nippel.

»Nicht, dass ich nicht begeistert wäre, Dich so herumlaufen zu sehen, aber ...«

»Verdammt. Ich hätte es echt vergessen. Da kannst Du mal sehen, wie scharf Du mich machst.«

Die Tür schließen und T-Shirt nach unten ziehen war eins.

»Gehen wir gemeinsam oder nacheinander raus?«

Florian schüttelte den Kopf.

»Egal, Hauptsache raus,«

Er öffnete die Tür und stolperte fast über den Trolley. Marc bewerkstelligte es tatsächlich in der Enge der Kabine den Rucksack aufzusetzen. Dann kam er auch heraus. Eine Sekunde später kam ein weiterer Toilettengast in den Raum.

»Dann folge mir einfach.«

Sie gingen in den Waschtischbereich, wuschen sich die Hände. Florian merkte jetzt erst, wie sehr er in der winzigen Kabine geschwitzt hatte. Dann schritten sie durch das Drehkreuz in den Tumult der Bahnhofshalle.

 

»Wohin?«

»Wir müssen zum Hauptausgang. Von da fahren Straßenbahnen.«

Florian verneinte. »Nix. Wir nehmen ein Taxi. Wenn schon, denn schon. Be my guest! So lang kann ich nicht mehr warten.«

Marc grinste frivol.

»Hey, hier herrscht Maskenpflicht. Können Sie nicht lesen?«

Eine ältere Dame stand empört vor ihnen. Erst jetzt fiel es beiden auf, dass sie ihre Masken in der Toilette nicht wieder aufgesetzt hatten.

»Oh, entschuldigen Sie, meine Dame. Das war ein Versehen.«

Marc blickte sie ehrlich zerknirscht an.

»Jaja. Ein Versehen. Glauben Sie, ich möchte wegen Ihrer Rücksichtslosigkeit auf die Intensivstation? Unverschämtheit, so was!«

»Tschuldigung«, kam es aus ihrer beider Münder gleichzeitig. Als sie die Masken wieder aufhatten, mussten sie loslachen.

»Da ist man die Korrektheit in persona und dann trifft man so einen attraktiven Mann und schon vergesse ich alles um mich.«

Florian klopfte Marc auf die Schulter.

»Na, frag mich mal. Ich war tagelang allein in den Wäldern. Da bin ich das Maskentragen schon gar nicht mehr gewöhnt.«

»Und Du bist sicher, dass wir bei Dir ..., also, dass wir ungestört ... Sag mal, hast Du eigentlich schon mal mit nem Mann? Ich meine, Du hast nur von deiner Freundin erzählt. Vielleicht ist es gar nicht das, was Du magst?«

»Mit vierzehn oder fünfzehn habe ich mal mit nem Kumpel gewichst. Also jeder für sich und einmal kurz den Dicken vom Anderen berührt. War irgendwie geil, aber auch falsch. Damals falsch. Also nicht generell. Verstehst Du mich? Dachte ich zumindest. Obwohl ... Na ja, jetzt kann ich es ja sagen. Später habe ich ein paar Mal auf öffentlichen Toiletten zu den Schwänzen der anderen Typen gelinst. Neugierig war ich immer. Hast Du ja eben gemerkt. Und zwei oder dreimal habe ich mir, wenn der Typ gepasst hat, mir von denen einen runterholen lassen. War ziemlich geil. Aber dann kamen die ersten Frauen und damit war klar, was ich wollte. Glaubte ich. Nein, stimmt nicht. Ich war mir hundertprozentig sicher. Bis ich irgendwann wieder mal in der Uni am Pissbecken stand und mir die Schwänze von meinen Kommilitonen anschaute. Jedes Mal bekam ich eine Erektion. Das war der Moment, wo ich mir eingestanden habe, ich sei zumindest bisexuell. Hättest Du das anders gesehen?«

»Keine Ahnung. Ich glaube, ich war schon immer schwul. Solang ich denken kann, haben mich Männer mehr angemacht.«

Sie durchquerten die Bahnhofspassage bis zum hinteren Ausgang. Drei Taxis warteten auf Kundschaft und Marc winkte dem ersten Fahrer zu, der ausstieg, sich seine Maske aufsetzte, beide Gepäckstücke im Kofferraum verstaute und dann nach der Adresse fragte.

»Wilhelmshavener Straße, bitte. Calenberger Neustadt ist das. Kennen Sie das?«

Der Taxifahrer, Florian tippte auf Pakistani oder Inder, nickte kurz und dann rutschten Marc und er auf der Rückbank zusammen.

»Ich warne Dich vor, Flo. Von wegen bezahlen. Das ist nicht gerade um die Ecke.«

Er beugte sich vor und fragte den Fahrer, ob sie mit Karte zahlen könnten. Statt einer Antwort folgte ein erneutes Nicken.

Während sich das Taxi durch den dichten Innenstadtverkehr bewegte, schwiegen sie beide. Florian spürte, wie sein Herz fast hörbar in seiner Brust schlug. Da war plötzlich nichts mehr von Erfahrenheit, von weltmännischem Gebaren. Er fühlte sich wie ein Teenager, der etwas Verbotenes, etwas Verwegenes vor hatte. »Albern«, sagte er sich, »als wäre es Dein erstes Mal. Das ist einer von ... mindestens hundert One-Night-Stands. Wahrscheinlich sogar mehr. Warum wirkte Marc bloß so ruhig? Sollte der nicht nervös sein? Schließlich hatte er behauptet, außer mit seinem Schulkameraden und drei bis vier Toilettenerlebnissen nie mit Kerlen intim geworden zu sein. War das vielleicht nur ein Trick? Die männliche schwule Jungfrau nur vorzutäuschen? Und in Wahrheit? Vielleicht war es seine Masche? Dann schien sie gut zu funktionieren. Könnte er eventuell auch in sein Anmach-Repertoire aufnehmen.«

Im Fenster betrachte ein sein Spiegelbild. »Nein, Du Naivling«, murmelte er fast lautlos vor sich hin. »Schau Dich mal an. Mit der Unerfahrenheitsmasche kämst Du in Deinem Alter niemals durch.« Er spürte Marcs Blick von der Seite auf sich ruhen. Fast glaubte er, ein lüsternes Lächeln unter der Maske zu erkennen. Als das Taxometer gerade die dreißig Euro überschritt, rief Marc zum Fahrer: »Lassen Sie uns ruhig hier an der Ecke heraus. Da können Sie besser weiterfahren. Ansonsten sitzen Sie wegen der Baustelle in einer Sackgasse. Danke.«

 

Der Wagen hielt. Florian zückte die Kreditkarte, während Marc ausstieg und das Gepäck aus dem Kofferraum holte.

Florian kam der nächste üble Gedanke. Vielleicht war das alles nur ein Trick, um ... eine kostenlose Taxifahrt zu bekommen. Um sein Gepäck zu rauben. Um ....

Er blickte sich hektisch um, konnte aber durch die Rückscheibe nichts erkennen, da der Kofferraum noch immer offen stand. Warum dauerte denn das so lang mit der Karte? Endloser Verbindungsaufbau! Deutschland, Du digitales Entwicklungsland! Nach gefühlten fünf Minuten ratterte endlich die Quittung aus dem Lesegerät und der Fahrer reichte Florian seine Karte. In dem Moment klopfte Marc an die hintere Scheibe. Ohne Maske zwinkerte er Florian zu, hob beide Gepäckstücke kurz in die Höhe, bevor er die Kofferraumklappe verschloss. Mit der Zunge fuhr er provokativ über seine fleischigen Lippen. Dann kam das freche Grinsen, das Florian bereits vom Bahnhofsklo kannte. »Schönen Tag noch.« Florian stieg aus, aber statt einer Antwort gab es vom Fahrer wieder nur das stumme obligatorische Nicken. Na ja!

»Noch drei Häuser weiter, dann kann der Spaß losgehen.« Marc hatte den Rucksack geschultert und hielt Flo’s Trolley an einem Arm in die Luft, als wollte er einen Hund zum Männchenmachen bringen.

»Her mit dem Ding. Wenn man Dich so hört, Marc, sollte man nicht denken, dass Du keine Ahnung vom Gaysex hast. Hast Du mir vielleicht etwas verschwiegen?«

»Nein.« Er lachte erneut auf. »Ganz ehrlich, keine Ahnung, warum ich heute unbedingt einen Mann haben will. Gut, ich hatte meine kleinen Fantasien auf der Wanderung. Und dann hatte ich Dich gesehen, als ich in Hamm einstieg. Also, Deinen Blick registriert. Mann, Florian. Der klebte ja fast auf mir. Dass Du ein Interesse an mir hattest, war mir sofort klar. Mir ging es ja nicht anders. Vielleicht hast Du es ja auch bemerkt,; mein Notebook hatte ich extra so ausgerichtet, dass ich Dich auf dem Bildschirm beobachten konnte. Nicht das ich über ein Gaydar verfügen würde, aber ich war mir recht schnell sicher, dass Du schwul bist. Ab da kreisten meine Gedanken eben darum. Außerdem, Du bist ein megaattraktiver Mann, was Du garantiert auch weißt. Und wie man sieht, ich lag mit meiner Annahme vollkommen richtig. So, wir sind da.«

Sie blieben vor einem klassischen Altbau stehen. Eine steinerne Treppe führte sieben Stufen zur Haustür hoch. Auf dem Klingelschild waren die Namen in den buntesten Farben beschriftet, die Florian bisher gesehen hatte. Marc stürmte durchs Treppenhaus vor und wartete kurz, bis Flo im dritten Stock ankam. Er schaute auf den improvisierten Aufkleber überm Klingelschild.

»Aha, bist Du Kleinert oder Siebing?«

»Was?«

»Dein Nachname, Marc. Kleinert oder Siebing?«

Jetzt schaute auch Marc aufs Schild und schüttelte den Kopf.

»Weder noch. Erika heißt Kleinert. Aber Siebing? Pfff!«

Er steckte den Schlüssel ins Schloss, aber nichts tat sich. Er kontrollierte nochmals, ob er ihn vielleicht mit dem Haustürschlüssel verwechselt hätte. Nein. Aber die Tür blieb zu.

»Scheiße! Was zum ...?« Weiter kam Marc nicht, denn die Tür wurde überraschenderweise mit einem Ruck aufgerissen. Ein Typ nur in Boxershorts stand im Rahmen. Aus verquollenen Schweinsäuglein starrte er Marc und Florian an. Offensichtlich hatte er eben noch geschlafen.

»Wassen los? Wohnung verwechselt?«

»Äh, nein! Hi! Ich heiße Marc, ich bin der Freund von Erika. Und wer bist Du?«

Ein unterdrücktes Gähnen rutschte dem Typen heraus. Seine linke Hand verschwand hinterrücks in der ausgeleierten Boxer und er schien sich am Arsch zu kratzen.

»Mike. Mike Siebing. Ich bin der Neue. Also, Mitbewohner. Und Du bist dann wohl eher der Ex. Der Wandervogel, ja?«

»Ja, ich würde gern in mein Zimmer, Mike, und ein paar Sachen rausholen ...«

Der leicht bierbäuchige Mike verstellte Marc den Weg, lehnte mit beide Armen breit im Rahmen der Tür.

»Vergiss es, Bro! Das ist jetzt mein Zimmer, da kommen nur scharfe Tussen rein. Wenn Du verstehst, was ich meine.«

 

Dabei griff er sich kurz an seine Kronjuwelen.

»Außerdem hat die kleine Erika Deinen Kram bereits gepackt und ausgelagert. Hattse Dir wohl geschrieben oder gesagt? Oha! Tja, dachte mir schon. Echt ne unschöne Trennung. Kenn ich. Hab das leider schon mehrfach hinter mir. Warte, ich kann Dir die Storage-Addy geben. Hast da auch ne Nummer. Tja, und das Schloss hier hat sie wohl gewechselt.«

Florian betrachtete von der Seite Marcs Gesicht, das immer blasser wurde. Ein kurzer Blick in den Eingangsflur bewies ihm, dass nichts mehr auf die Anwesenheit einer Frau hindeutete. An der gegenüberliegenden Wand waren die leichten Schmutzränder ehemaliger Bilder oder Spiegel erkennbar. An der billigen Garderobe eines schwedischen Möbelhauses hingen nachlässig hingeworfen ein verwaschener Hoodie und eine Jeansjacke, deren beste Tage seit Ende der Achtziger vorbei waren.

»Erika hat was gemacht? In so eine Lagerstätte? Ja, ist die denn wahnsinnig geworden?«

»Keine Ahnung, Digga. Frag mich nicht. Geht mich nichts an. Aber sie wohnt seitdem bei ihren Eltern. Ich penne hier für ne Weile. Sie wollte nicht allein die Miete ... Ich meine, kann ich verstehen. Aber ich glaube, sie hat gekündigt. Ja, deshalb ist das jetzt meine Bleibe für die nächsten zwei Monate. So und jetzt geh ich wieder pennen. Kannst ja Deine Exe anrufen, wenn Du noch ne Erklärung brauchst. Aber wenn Du mich fragst: Lass es lieber! Die war sauer. Mächtig sauer. Die wird Dir nicht so einfach verzeihen. Aber so sind die Weiber ja. Kennste doch. So, hier ist die Adresse vom Storage24. Viel Spaß und Bye-bye. Nacht!«

Damit knallte er dem sprachlosen Marc die Tür vor der Nase zu.

»Ich glaub es nicht. Was ist denn in Erica gefahren?«

Er fuhr sich durch die Haare. Sein Gesicht in ungläubigem Staunen.

»Zumindest hätte sie sich doch mal melden können. Vor vollendete Tatsachen setzt sie mich. Ohne ...«

Er verstummte.

Flo verzog mitleidig as Gesicht, legte eine Hand auf Marcs Schulter.

»Pass auf, das Ganze hat ja jetzt eine unangenehme Wendung erhalten. Du solltest das erst einmal mit Deiner Ex klären. Fahr zu Deinem Kumpel. Ich schnapp mir ein Taxi zurück zum Bahnhof. Mal sehen, welchen Zug ich dann nehme. Mach Dir keine Sorgen. Ist schon in Ordnung. Hat halt nicht sollen sein.«

Er fingerte eine seiner Visitenkarten aus seinem Portemonnaie.

»Hier. Meine Adresse und Telefonnummer. Marc, wenn du mal in Hamburg bist, würd ich mich über einen Anruf freuen. Kannst auch bei mir übernachten. Auch ohne Hintergedanken jetzt. Ich habe einen Raum, eine Art Gästezimmer, in dem meine Geschwister, meine Mutter oder eben Freunde gelegentlich zu Besuch schlafen. Du bist herzlich eingeladen. Verstehe gut, dass es jetzt um andere Sorgen geht, als unser ..., Du weißt schon.«

Marc nickte unschlüssig.

»Ja, gut. Danke. Also, eigentlich nicht gut. Gar nicht gut. Ich ... Könntest Du noch einen Moment warten? Ich würde gerne meinen Kollegen anrufen.«

»Klar. Auf die paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an.«

Marc nickte schmallippig. Er tippte auf seinem Smartphone. Enttäuschung breitete sich in seinem gesamten Gesicht aus, als anscheinend nur die Mailbox ansprang.

»Gerrit? Marc hier. Stell Dir vor: Erica hat mich in meiner Abwesenheit vor die Tür gesetzt und meine Möbel und Unterlagen eingelagert. Bin also obdachlos. Bitte melde Dich, Alter, ich wissen muss, ob ich die nächsten Tage bei Dir pennen darf. Danke. «

Er legte auf.

»Shit, Shit, Shit!«

Florian betrachtete ihn mit einem mitleidvollen Blick. Was sollte er tun? Was solange nach einem verheißungsvollen Quickie aussah, verwandelte sich in eine dieser bemüht heiteren, deutschen Familiencomedys, die das Niveau britischer oder amerikanischer Vorbilder niemals erreichten. Und er war plötzlich der Sidekick des liebenswerten, aber tragischen Helden. Aber konnte er jetzt einfach das Weite suchen? Er käme sich etwas schäbig vor, sich jetzt einfach zu verabschieden. Was würde der arme Kerl dann machen?

»Marc, wie sähe es denn mit Deinen Eltern aus? Nur so als Vorschlag. Man kommt ja in so einem Schock oft nicht auf das Naheliegende. Könntest Du nicht auch da ...«

 

Brüsk schüttelte Marc den Kopf.

»Nee, unmöglich. Mutter lebt in Stuttgart und schlägt sich mit Hartz 4 gerade so durch, während mein Erzeuger mit seiner neuen Frau in Thailand ist. Vergiss es, lieber penne ich unter ner Brücke oder in den Herrenhäuser Gärten auf ner Bank.«

»Wie gesagt: War nur so eine Idee. Sorry«, grummelte Flo in seinen nicht vorhandenen Bart.

»Du musst nicht bleiben. Versuch, Deinen Zug nach Hamburg zu bekommen, Florian. Irgendwie komme ich schon klar. Vielleicht meldet sich Gerrit ja gleich. Tut mir leid. Hätte so geil werden können, wenn ... Na, Du weißt, was ich meine.«

Der große Kerl wiegte auf seinen Füßen wie ein tapsiger Zirkusbär hin und her. Worte und Gesten konnten kaum konträrer sein.

»Okay, Marc. Pass auf!«

Flo machte eine Pause, als müsste er den spontanen Entschluss besser noch überdenken, aber dann platzte es aus ihm heraus.

»Musst Du morgen etwa in die Uni? Gibt es feste Termine bei Dir oder hast Du noch mehr freie Tage?«

Die Runzeln auf Marcs Stirn sprachen Bände. Der sonst so eloquente hübsche Knabe schien auf der Leitung zu stehen.

»Was ich sagen will: Wenn Du nicht morgen bereits Deinen Krempel aus dem Lager holen willst und Du noch weitere freie Tage haben solltest, .... tja, in dem Falle könntest Du mit nach Hamburg kommen. Wie gesagt mit Gästezimmer. Also, das ist jetzt auch keine irgendwie geartete Verpflichtung, was unser Sexding angeht, verstehst Du? Wenn Du hier Dein Chaos wieder ordnen möchtest, ist das auch okay. Habe ich vollstes Verständnis für. War nur so ein Gedanke.«

Ein langer bohrender Blick Marcs traf ihn.

»Wie lange kennst Du mich jetzt, Florian? Eine gute halbe Stunde, oder?«

»Na, etwas länger, weil die Zugfahrt ...«

»Während der Zugfahrt hast Du mich vielleicht beobachtet und, ja, ich gebe es zu, ich Dich auch, aber deswegen zählt doch diese Stunde nicht«, unterbrach ihn Marc. »Und hey, in Hannover sollte man diesbezüglich aufpassen. Hier gab es doch schon mal einen Serienmörder, der schwule Jungs aufgerissen hat.«

»Haarmann!«

»Was?«

»Haarmann, der hieß Haarmann!«, wiederholte Florian stoisch. »Das war vor beinahe neunzig Jahren. Dazwischen dürfte Hannover auch noch andere Täter erlebt haben.«

»Siehst du, Du kennst den offensichtlich.«

Florian verdrehte gespielt entnervt die Augen. »Nicht persönlich, Kleiner. Er wurde hingerichtet, wenige Tage bevor ich geboren wurde.«

»Siehst du? Und dann lädst Du mich zu Dir ein. Ich bin, wie Du erfahren hast, plötzlich alleinstehend. Niemand würde mich vermissen. Der Knilch hier in der Wohnung hatte dermaßen einen Kater und Dich kaum gesehen hinter mir. Als zuverlässiger Zeuge fällt der schon mal aus. Der Taxifahrer war garantiert ein Migrant. Der hält allein aus Angst um seine Aufenthaltsgenehmigung die Klappe. In den Zügen erkennt einen auch niemand, dank der Masken. Voilá! Ah, und warte: Mit meiner Mutter habe ich das letzte Mal vor zwei Monaten telefoniert. Mit meinem Alten? Keine Ahnung, vor zwei oder drei Jahren. Bei dieser verkorksten Familie gibt es da keine festen Dates. Also, ich wäre das ideale Opfer. Wahrscheinlich würde sich eine Suche nach mir auf die Gebiete beschränken, in denen ich wandern war. Wer käme da schon auf Hamburg? Niemand weiß, dass ich heimlich auf Kerle stehe. Ich selber ja auch nicht so definitiv. Und Du, Flo? Du bist ein attraktiver, seriöser Mann, gesettelt, höchstwahrscheinlich mit perfektem Leumund, dem Gott und die Welt bescheinigen würde, dass er unschuldig wäre. Meine Trennung von Erica könnte mir als übergroße psychische Belastung ausgelegt werden und Schwupps, hast Du’s nicht gedacht, ist der Suizid angenommen und die ermittelnde Polizei stellt das Verfahren nach nur wenigen Wochen ein. Ja, ich denke, Du kämst mit dem Mord an mir locker durch.«

Mit verschränkten Armen betrachtete Florian den vor sich hinplappernden Mann.

»Hältst Du eigentlich immer solche Monologe? Wenn ja, verstehe ich langsam Ericas Problem. Oder schreibst du nebenher Drehbücher für den Tatort?«

 

Marc lachte etwas zu schrill auf.

»Nee, leider tue ich das nicht. Sie hat mir ständig vorgeworfen, zu schweigsam zu sein. Kannst Du Dir das vorstellen?«

»Nö! Ich bin BWL’er, hast du’s vergessen? Dadurch schon mal rein ausbildungstechnisch und von meiner sonstigen Sozialisation her imaginär extrem begrenzt.«

»Hahaha«, gluckste es aus Marc hervor, »dafür kannst du aber dank der Wahrscheinlichkeitsrechnung eine hohe Sicherheit für Dein Vorhaben errechnen. Der Pragmatismus von Euch ist doch bekannt.«

»Was bei mir bekannt ist, dass ich den kleinen Tod liebe. Du weißt? Le petit Mort. So nennen die Franzosen den Orgasmus. Ja, wenn Du diesen Tod meinst, den lasse ich Dich gerne sterben. Aber dann wäre es wahrscheinlich ein erweiterter Suizid.«

Jetzt betrachtete Marc Florian aus traurigen Augen.

»Du hattest Dir den Nachmittag anders vorgestellt. Etwas Fun, bedeutungsloser Sex und danach ab nach Hause in Deine garantiert hübsche, bestimmt ziemlich teuer eingerichtete Wohnung in Hamburg. Sorry. Mein Kopf ist gerade völlig abgeschaltet. Ich kann gar nicht richtig nachdenken.«

Und obwohl Flo tatsächlich es als herbe Enttäuschung betrachtete, nahm er beiläufig die Hand von Marc in seine.

»Alles in Ordnung. Das Leben ist manchmal ein Arschloch. Mein Angebot steht aber. Und nicht nur, weil ich scharf auf Dich bin. Das auch. Aber nicht nur. Und ich warte auch gerne noch ne Stunde. Also, ob Dein Kumpel Gerrit anruft. Nur irgendwann heute Abend würde ich schon gerne in mein Bett fallen. Aber Dich unter einer Brücke der Leine schlafen zu lassen oder in diesen Gärten, sorry, das bringe ich nicht. Also: willst Du hierbleiben oder gibt es ein Café, ein Bistro in der Nähe, wo wir warten können. Keinen Sex zu bekommen, macht mich immer hungrig. Da muss ich immer etwas zum Kompensieren haben. Am besten eine Sahneschnitte.«

Erneut entfuhr Marc dieses kehlige trockene Lachen, das Florian so anmachte.

»Auf der Hauptstraße. Da, wo wir ausgestiegen sind. Ob Du da allerdings ne Sahneschnitte bekommst. Keine Ahnung.«

»Na, auf einen Versuch können wir es ankommen lassen. Zur Not nehme ich auch ein trockenes Brötchen. Der Tag lehrt einen ja, man kann nicht immer alles haben. Aber immerhin sitzt mir ne hübsche Sahneschnitte gegenüber.«

»Du smarter Bastard. So hat mich noch nie jemand bezeichnet.«

»Aber gedacht. Gedacht haben werden das schon verdammt viele Menschen. Frauen und, jetzt halt Dich gut fest, Sahneschnittchen, garantiert auch mehr als nur ein Mann. Also darf ich Dich einladen?«

 

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